Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an seiner Zigarre.
Ob Irene nicht bald kommt? — Und Birnbaum, dachte er beunruhigt, Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und fand, daß es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.
Draußen war es wieder dunkel geworden, und der Regen plätscherte nach Kräften auf der Terrassenfläche.
In diesem Augenblick — da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit einer Frage und gleichzeitig den Trieb verspürte, in den Regen hinein zu laufen — gingen Haltung und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von ihm, daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über die Beiden streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um den Nebenraum zu betreten. Dort stellte er sich ans nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und überließ sich dem inneren Toben.
Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich nicht vor ihre Füße geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht wenigstens ein, was mich quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz hänge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, Klemens? Was sind da für Widerstände? Renate? Daß ich sie liebe? Höllengelächter, und das machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders? Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Daß ich hier Herzog bin? Das wäre fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der innerste Grund nicht sein.
Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber schon im Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis da sein würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich angemeldet hatte. Er zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie hier sein. — Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug? Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein — nun, das sind wenigstens Pflichten, die kann man gelten lassen.
Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber wieder. — Nun such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist, anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und läßt sich auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, daß die Menschen sich lieben und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen hinsetzen können, um von ihren Leiden zu reden, statt — von Architektur.
Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein haben. Warum sind wir denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es allein gehabt sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthüllst du dich nie?
Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen aus Golddunst drehten sich magisch über dem Wäldchen, und stark leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte.
Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein ging durch den Saal mit einem Stoß Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu schämen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war. Danach zauderte er nicht länger, nebenan einzutreten.