Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:
„Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen, daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert, kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten, Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal: Hab ich gedurft? — In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.“
Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb, die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne festen Blick: „Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn hergeschleppt, zu Renate.“
„Zu Renate?“ entfuhr es halblaut Georg.
„Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen —“ Er verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.
Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?
Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand — er selber? — beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus früheren Jahren kannte. — Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze Verderbtheit der Welt.
Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.
So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.