Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grünen und hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien. Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun über sein gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit. Sein Nacken war gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen hing übermäßig heraus, und in den geröteten Augen — das linke hing ab nach außen — war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei der Hexe war! — Und so verstört, daß er sich nicht einmal verbeugt! Oder kann er das nicht?
Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, räusperte sich, machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: „Ich bin gekommen, um Eure Hoheit untertänig um meine Entlassung zu bitten.“
Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, — um die der Alte, nur nicht so förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber dann sah er ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte bitterlich auf über seiner Schulter und klagte laut: „Ich habe ja keinen als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht mehr!“
Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen „keinen als dich“ und hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach sprach er dem Alten begütigend zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm zuredend, daß er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür aus sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum führen, der öde und kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa, auf dem er früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?
Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen Löschblattbogen auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu ihm aufblickend, trübe: „Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie lieber gar nicht —“ Das Ende des Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen, denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden Druckzeilen am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog — und so weiter ...
„Ich will heute nicht schreiben“, sagte er kleinmütig und legte die Feder hin.
„Hoheit haben ja Zeit bis morgen“, sagte der Hauptmann.
„Rieferling,“ versetzte Georg verdrießlich, „Sie wissen immer was! Wo soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also muß ich doch schreiben!“ Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von Rieferlings sachtem Lächeln.
Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte er nach, die Feder wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu schütteln, worauf er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, über der zum Überfluß Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem Überfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf andre geschriebene Namen — Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke, Fuchs, Richter und mehr, immer mehr — zwischen Druckzeilen, in denen von Beförderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige ‚Geruhen‘ hatte längst den letzten Hauch anfänglicher Skurrilität verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen die Zeit für sie? Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit für sie da?
Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: „Kannst du dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit vorhanden, daß es besser mit ihm wird?“