Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg die letzten Bogen versorgte, mit seiner langsamen und öligen Stimme, die Georg immer als überaus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb ihrer strömte:
„Er will nämlich nach Palästina.“
„Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!“
„Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. Und du weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen verrammelt sind, brichts durch die Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich. Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen Gedanken mehr zu haben oder so.“
Georg nickte. „Ich weiß ja. Aber ich hielt es für Einbildung, und er sagte selber, es sei Einbildung.“
„Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, — ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch immer im Grunde hier nur geduldet ist. Das weißt du ja auch. Er sprach auch mit mir darüber, — na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben. Und gestern — gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wußte fast nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu spät sein könnte — ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten Vorstellungen —, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen würdest. Und auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig würde. Ja, es ging so weit, daß er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen. Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag ist, spielte eine gewisse — ja — eine Rolle.“
„Aber diese Palästinaidee“, versuchte Georg schwermütig zu widersprechen, „will mir noch nicht in den Kopf. Wenn —“
„Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an dich, aber — ich darf das wohl sagen —, in Wirklichkeit wars doch alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das ist denn so wie’n Mensch, der aus’m Stück Land weggetrieben wird und kriegt ’n andres dafür, das genau so ist, aber es ist doch nicht das alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber — heimatlos, Georg, heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er heimatlos gewesen!“ wiederholte er erregter, „und ob das nun Galizien ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, da ist wenig Unterschied. Man muß sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch ’n fühlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige Sprache sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja nicht mal ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf einmal ein, und er weiß doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm nun ein, und daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, es giebt so Menschen, die bringen es zu allem Möglichen, und dann — auf einmal — drehn sie sich um und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt eigentlich immer nur ’n kleinen Garten haben. — Das hat sich nun eben alles so zusammengezogen.“
Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden.
Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Geräusch, und Georg winkte Schley, hinüber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte er ihm mit den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften. Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder der alte Mann.