Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien keine Nähe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner Züge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und — Knechttum, wie Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig königlich er erschien, versammelten sich doch biblische Könige großäugig hinter seinem Stuhl.

Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fühlte Georg für eine kleine Weile seinen Blick mit großer Liebe auf sich gerichtet. Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hörte Georg seine Stimme, die aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen und volleren Klang als jemals, so daß es war, als wäre seine Brust ganz voll davon und begänne nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam auch war, daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege gehört haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrückt und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten und verkrümmten Menschen, die Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach Galizien, der so spät noch nach Palästina wollte?

Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, der bald nicht mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.

„Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du’s weißt und dir keine verkehrten Gedanken machst. ’n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist kein rechter Mensch. Und ich bin solch ’n Mensch immer gewesen. Ich hab ’n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab ’n doch abgeschworen mit meinem Handeln. Darum bin ich ’n bescholtener Mann gewesen, von ’nem bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab ’n gutes Leben gehabt, auch ’ne Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin ich deshalb wohl ’n glücklicher Mensch gewesen? ’n Mensch, der nicht darf gehn vor die Tür, daß nicht die Andern ’n Finger aufheben un sagen: das ist keiner so wie wir, un: den könn’ wir nicht achten? Recht haben gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie überall, wenn sie die Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten Füßen. Er denkt, daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten. Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum muß er auch gehn so schnell und muß machen Fisematenten und ’n Gemeres unter die Leute, und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, daß seine Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, daß er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht’ von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient sich doch bloß die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, was ich weiß! Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will kämpfen den Kampf um ’n alten Mann, — nun, was is ’n Jahr, und was sind selbst zwei Jahr für ’n Menschen, der jung ist? Und du wirst müde, Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Türe, — ich weiß doch, was ich weiß ...

„Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie ’s Volk, der soll essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf daß er kriegt ’ne Sprache und vernünftige Sitten. Wer glaubt denn, daß einer Gott ’n Gefallen täte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am Schabbes und lesen aus ’m Buche ’ne Sprache, für die er hat keinen Sinn! Oder glaubst du ’n, daß Gott will reden ’ne Sprache, die der Mensch bloß kann reden mit ihm allein, und die Gott bloß versteht selber, und die er nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott, wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen, dem kommt keine Wahrheit aus ’m Herzen, und wenn er vielleicht nicht betrügen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede, das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills versuchen.“

Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald zwischen den Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, kaum sich zu regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere Zeit und wandte sich endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte, als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin.

Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg bei aller Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. Gestorben? dachte er dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben?

Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen und wandte sich zu Georg um. „Heimgegangen“, sagte er einfach.

Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort saß, und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der Zeit nicht natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht atmete in diesem Schlaf.

Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus den Augen liefen, und nun weinte er hellauf, daß es ihn schüttelte. — Danach stand er auf, um nachzusehn, ob Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen.