Irene
Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten Baum, herausgebrochen aus seinem, Georgs, Leben, voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher Leistung das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten der Erinnerung — oh die ersten Spiele der Kindheit! —, ging Georg durch die Räume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster — das letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte — Klemens auf der Terrasse allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, und Georg trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, daß er ins Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war leer.
Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels zur Rechten den Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtür zu seiner Linken geöffnet, und rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft weibliches blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten Kleide mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an einer Hand sehr behutsam hereinführend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene.
So, dachte Georg, was mag nun kommen? — Klemens stand da und blickte nur. Überdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben. In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, während ihr Kopf langsam nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des Kleides, wo sie hing wie vergessen.
Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne zusammen und schloß langsam die beiden Knöpfe.
„Klemens!“ sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Züge schmolz in ein nahezu triumphierendes Warten.
„Mensch!“ grollte nun Georg, „worauf wartest du noch?“
Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grübelndes Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich in Bewegung, als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, und plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus.
Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nähe der Tür folgend, sah er ihn draußen stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie und Hofraum und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt in den tausendfach rieselnden Glanz hinauf.
Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, fand er die Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des Menschen mit seiner Last über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grüne und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug.