Benno lächelte schwermutvoll. „Ich genieße halt meine Freiheit“, sagte er natürlich. Dann lachte er verschämt. „Nun, Georg, so genau darfst du das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genießen, wer will mirs verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb, sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich ihre Hand küssen darf, ihr Gesicht — —, und sie über alles sprechen zu hören, — — zu sehn, daß sie ungeduldig ist und hart und — — das, Georg, — — das schlägt mich zu Boden!“
„Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!“ fing Georg an und stand auf. „Es ist schön. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schön und ergreifend, aber: es ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark zu fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. Die Kraft ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die ‚Intensität des Erlebens‘, ja, so heißt es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts können als zerfließen. Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung fürs Leben selbst. Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern — alldas bleibt unbeeinflußt. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber — auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht — —, um Erlebnisse zu fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs doch unbewußt, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse hineingeströmt. Ihr macht euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt, dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schön, weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gütig, das Leben entgelten zu lassen, daß es dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was weiß ich, und kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband schnürt, wenn dich eben der göttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, die tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln der Dirne entdecken, wo es ‚verreckt‘. Sie rasen nach Gott durch die Welt, schlagen Fenster und Türen zusammen, brüllen: Ist keiner da? und dann endlich — endlich lächelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist nicht zum Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste ist, herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der verlorenen Illusionen. — Diese Folgerungen — das heißt nur diese zufällig zeitlichen des Zuhältertums — ziehst du zwar nicht, Benno, aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklärt und erhoben? Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?“
„Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?“
Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, — das wäre schon viel. „Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber — man sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, ‚die zehntausend Spinnen in der Kufe‘, das Getümmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen darüber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine. Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben süß gefunden habe, so war es darin.“ Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und Cordelia —: die Eine war, was die Andre, und darum verließen mich Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt.
Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte:
„Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. Immer hast du recht, und überhaupt — ich bin ja einmal so, daß ich immer auch den Gegenteil vollkommen begreife, a—“
„Aber,“ rief Georg das Wort, das er längst kommen sah, „aber du handelst ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hängst ab nach zwei Seiten wie ein Gespaltener und —“
Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg ins Zimmer und rief, ihm unsichtbar, von dorther: „Nein, und du hast doch nicht recht! Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber — — soll es denn immer so bleiben? Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird? Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären wie du? Wer sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die Träumer, die Schwärmer, die Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte! Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken, und wer die Schrift liest, den erfüllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht, Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an, diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die Schwelgenden auf den unerreichbaren Gipfeln, wir —“
„— pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren in den Berg!“ rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach verstummte er in plötzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen?
„Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du —“