„Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, — ja, das sind wir.“
Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. „Nein, sage das nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese Stunden, diese horas melancolicas, und sie sind — — entsetzlich!“
„Nun, Benno, aber was heißt das?“ fragte Georg behutsam. „Ich denke, du bist glücklich?“
Benno setzte sich still und sah vor sich hin.
„Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wäre ein — — Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. Ich bin verlobt — —, ich werde bald heiraten. Und sie — — oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie ist — — sie ist — wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,“ gestand er voll Großmut und Menschenkenntnis, „warum wäre sie ein Weib! A—ber — — — Nein, an ihr liegt es nicht, nur — — — Es ist alles zuviel!“ schloß er, völlig erschöpft.
„Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!“ stöhnte er auf wie ein gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. „Alles ist zuviel! Es ist kaum zu ertragen!“ Er sprang auf. „Siehst du, was ist das Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte man hinauskommen über die Anfänge, und ich — — kann es nicht!!“
Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! — während er halblaut sagte: „Brentano!“
„Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe hinaus — — im April! im März! an einem unverhofften Tag. Wie dich da alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte. Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeßliche Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, — — wie ein Schauer Schnee. Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu enthalten — — diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du willst weinen, du bist aufgebrochen, — und nun erst — wenn du liebst! Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die endlos stillen Straßen, die einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich — — der Geliebten! Aber — — Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthält mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich schon zuviel, daß ich sie kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte — — von weitem — —, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!! Nun —“ sang er lieblich — „ist alles ganz einfach geworden. Ist aber der magische Kreis einmal durchbrochen, was — ist — dann — noch? Ihre Stimme hören — ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen —, ihren Gang zu sehen —, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern! — ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhängen — —, oh Georg, wenn ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt — — unerhört!“
„Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?“