Georg schüttelte trübe den Kopf. „Benno, du wirst nie im Leben dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, — wenn du magst. Hier ist etwas über Flauberts Education sentimentale, magst du das? Also höre.

„Zu Flauberts L’éducation sentimentale

Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprünglich haben sollte, ausdrückt: ‚Dürre Früchte‘. Es ist dürr, langweilig und von erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen. Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende Daseinsgestalten, deren nüchternes Gesetz leider jeden Schein von firmamentaler Wirkung ausschließt. Der ‚Held‘ (der keiner ist und sein soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewußtsein seiner selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne Geist. Was hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur ästhetisch, das heißt in seiner Anschauung berührt (oder — was fast schlimmer ist — moralisch, das heißt an seiner bürgerlichen Existenz mit ihren Wünschen und Zielen, oder — was das einfältigste ist — an seinen Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen, mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heißt: Erlebnisse sammeln; und so ist er selber am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt, unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite des Buches erschien: un jeune homme à longs cheveux et qui tenait sous son bras un album, — nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll wurde. Undurchdrungen also — und deshalb ungestaltet, das heißt: ohne Geist —, ungewandelt also — und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele —, unberührt in beiden, die nicht vorhanden scheinen — ist er auch: ohne Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden, Bürgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab, wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die leiseste Ahnung, daß es eine Welt geben könnte, außer der ihren.

„Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte, sondern nur schaffen, aufbauen, von außen arbeitend, nicht von innen, hin- und darstellend, weil für ihn — in seinen andern Büchern ist es nicht anders —, wie gezeigt, letztes Inneres — der Gott, die Seele, der Geist — nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, würde ich sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten des Giganten, der, wenn auch keinen Gott, so doch einen Dämon in der Brust und einen Ätna im Gehirn trug: Balzac.

„Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: die Wandelbarkeit einer Seele; ist: Verändertwerden durch das Leben; ist: Durchsäuertwerden und Süßwerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem ‚wahren‘ Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem Minotaurus, aber er wußte so wenig wie Flaubert von der aus tausend Opferfeuern darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die Bilder des Firmamentes bildet.

„Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, weder der französischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere Form sich immer wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war, Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und weniger wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem Französischen schöpfte, und zweitens, daß zwar immer von der ‚Form‘ des Franzosen, seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet wird, daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um ‚formales‘ Bemühen und formale Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges, das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens ist das, Erlösung des eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden konnte als einen unwandelbar ‚reinen Toren‘.) Auch Parzival war im Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schöne Dinge sehen zu können, und: er fragte nicht.

„Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion, Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten: Parzival mit dem Panier über sich: ‚Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen.‘

„Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein armseliger Fréderic Moreau war, qui tenait sous san bras un album, so bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß nichts kommt aus nichts, daß ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den Stoff zuvor enthielt, das heißt: wenn ich heute etwas andres sein kann, daß ich es — oh meine Unschuld! — niemals ganz war.“

Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine Alabasterschale bebte und pendelte. „Ich kenne das Buch nicht, Georg,“ sagte er mit empörter Gewißheit, „aber ich kenne Bücher, die so sind!“ Georg sah, sich umdrehend, mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder —, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, das Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast über den Wirbel hochgedrehtem Handgelenk über das Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den Unglücksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen Stimme, ihren glühenden Betonungen und gezogenen Pausen der Überlegung.

„Und es ist entsetzlich!“ fuhr Benno nach langem, erschöpftem Dastehen fort. „Es ist die Fläche. Nicht die Fläche unserer Er—de — —, die sich wölbt und abhängt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben gewölbt, und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was gegen den Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das muß nach innen zurückfallen. Schau—er—lich!“