Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein nackter Neger, der den Bogen spannte —, dessen Pfeil stak rechts drüben in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte. Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell, weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen. Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich, den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp, geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte, so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.
Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den sonnenstillen Charfreitag.
So wagte sie sich vor das dritte Bild.
In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen, Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend, sehr still — und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch, und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern, weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu erkennen.
Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.
Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger, Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen, friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.
Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. — Dann versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in Kleidern einen Weg zu bahnen, aber — hielt hier das bläuliche Licht im Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das braune Gold eines Harnischs sie auf —, so jetzt die tiefe Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. — Auf einmal hatte sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit, vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, — und schon wieder fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen niemals diese Berggipfel übersteigen würden.
Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von Unheimlichkeit wandte sie sich um.
Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen? Spiegelungen von — ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn, nicht zu diesem Menschen, der — jetzt erst traf sie der Schlag —, der dieses gemacht hatte.
Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu Jason: „Freund, erkläre mir dieses!“