„Dies“, sagte der bereitwillige Jason, „ist gemalt. Es ist ein Werk des Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit, sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung. Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können, um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den Himmel gelangtest, — wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des Ewigen zuträgt.“

„Es scheint sehr einfach“, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, — und nun dieser das Ende sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum Einen, dankbar zum Andern: „Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! — Ich habe euch lieb.“

Achtes Kapitel

Magda

Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen. Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte, zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre, das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das Zucken eines ewigen Auges.

Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen, entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.

Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?

Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, — dann der Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu. Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am Sonntag. Was stand denn bevor? Was? — Dieser Gedanke war zu schwer und ließ sich nicht heben.

Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.

Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte, wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte; Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt; auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.