Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee, sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit lichter Stimme:
„Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?“
„Ja, Anna.“
„Und die Bilder, und der Schrank — alles wie immer?“
„Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied nehmen.“
Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht nahe am ihren: „Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend etwas sehn?“
„Jetzt“, sagte sie ruhig, „sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen. — Sehen, wie du und Alle — nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles geworden, aber —“ sie hob seine Hand, „man kann fühlen.“
Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber gefleckte des andern Auges, — er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.
Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil hatte er bald gefunden.
„Ja, dies sagte er einmal: ‚Die den Menschen erzeugte, und die er erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.‘“