I

Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei — der Natur, der Kunst, dem Handwerk entsprossen —, so wird die einfache Antwort lauten: Befriedigung.

Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen, die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt, und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden. Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen, die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.

Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was wahrhaft schön ist, auch gut sei.

II

Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was dem Menschen gefiel, das taufte er schön. Nun aber hat es nichts Schönes oder Gefälliges gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels — Dinge, die früher auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch — wohlgefällig zu empfinden; denn das Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren, wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so ist, kann einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig unbewußte Erkenntnis des Schönen ganz durch uns durchging: daß wir ein Ding machten mit unserer eigenen Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck brachte. Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir erkannten, nachahmen, was nachstreben heißt, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir mußten empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser Wesen verleiblicht haben, um es schließlich aus uns heraus zum Quellen, Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne — nunmehr zum zweiten Mal außer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum nun, beglückte uns durch sein lächelndes Dasein.

III

Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel nachgeahmte, aus Binsen geflochtene, mit Lehm verklebte, gewölbte, gerundete, geglättete erste Form eines Gefäßes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich geworden, weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch sie gemacht hatte, nicht die Natur.

Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl der Sicherheit! Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, in der ganzen Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen, der Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, und er konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen, die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne daß es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst, ein Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulösen durch die Verzierung. Er besaß nun das Schöne.

Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der noch keines Guten sich deutlich bewußt war, schon war er gut durch eine Kraft der Güte, die ihm aus den Händen quoll in das Werk.