Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen, damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen, damals, als ich sie küßte.

Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen; und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.

Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein Grundsatz über Frauen — und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum Unverstand tödlicher Gewißheit.

Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen, daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad so gut und besser besorgen — denn ein solcher wäre standhaft, während Cornelia sich mit verzehrt —, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im Gefühl für mich; aber sie muß.

Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu bekommen, — da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos, daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses — sagen wir eine gewisse ‚Luft‘ braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. —‘

„Willst du nicht mehr lesen?“ hörte er sich, noch bevor er die letzten Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick überfliegend:

„Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, — aber es ist etwas lang. Du hast es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift heißt: Ultimo, — so habe ich es genannt, weil es damit ‚am letzten‘ mit mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und — ich möchte dich bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es — nun, daß es sich nicht um Einfälle handelt, sondern daß es — wirklich mein Äußerstes ist, nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich er—lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.“

Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen.

„Ultimo

Motto: Wahrheit ist es nicht;
es ist meine Wahrheit.