‚Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.‘
Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit, da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. ‚Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht.‘ (Römer 7, Vers 19 und 18.)
V
Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren, seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:
‚Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.‘
Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander gegenüber und wies auf den Vorgang.
So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.
Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern; ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, — was heißt das?
Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? — Wie lautet die Antwort? Weil jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. — Nein — oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. — Da wird er auch die andre Wange darhalten.
Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?