Geduld.

Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter des Guten!

VI

Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten; in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge!

Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee, und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit Geduld: würde sie — wie sie einmal beschaffen ist! —, würde sie heil werden und gut?

Nein, sondern die Lymphe würde sich, ‚wie sie einmal beschaffen ist!‘ in ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte, verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen müßte.

Sie kann — entfernen wir jenen deus ex machina wieder —, sie kann, wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.

Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?

VII

(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus die größte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit dem Leiden darin zufrieden. Vergeßlich beschaffen, würden sie ein andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen, aber aus sich heraus wollen sie kein andres.