Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen; waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so — wer beschriebe den ganzen Verlauf? — ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen Mummenschanz einer ‚allein seligmachenden‘ Kirche. Das Mißtrauen nahm überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen, die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:
Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.
Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen, Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar, ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war, bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen Liberalität.
Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine, Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens: die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung, ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?
Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne Unterlaß hinein.
XI
Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und durch sie, ‚in allem‘ seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja, zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein Herz, um zu glauben, was ich weiß?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,