Nenn es dann, wie du willst,

Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!

Ich habe keinen Namen

Dafür! —

Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht, wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom Nichtandersseinkönnen? ‚Nenn es dann, wie du willst!‘ Ja, wenn ich die Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und Rauch. ‚Wer darf ihn nennen?‘ Was heißt ein ‚darf‘, wo alles ‚muß‘ sein sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, — nicht nur zur Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu belehren, so kann ich hinter diesen nicht ‚Glück, Herz, Liebe — Gefühl‘, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.

XII

So blieben denn zwei Möglichkeiten über.

Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens und meines Geistes — Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Kreaturen. Credo quia — oder wie Strindberg sagt: etsi — absurdum.

Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft, dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.

Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle des Glaubens träte das Sittengesetz.