Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? — Er merkte, daß er etwas Riesiges in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran rührte, würde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mußt allein fertig werden! — Aber im Augenblick fand er sich schon überwältigt. Sein letzter Gedanke war: Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie Bestimmung. Bogner, Bogner mußte helfen, und schon rasend vor Angst und Verlangen, war er an der Tür, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. Dann war er im Freien.

Neuntes Kapitel

Georg

Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne Waldung hinein. Etwas Bläuliches stieg daraus auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte:

Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte für später, mußte er darin liegen, daß du jetzt gehst ...

Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr:

Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben für das, was ich wegnahm ...

Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern, graublau, wolkenlos, — und jenseits der Saatfelder unfern lagen die Häuser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken, glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grün, übergoldet, schattenreich, singend von Stille.

Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die Landstraße war und jenseits die Rampe von Helenenruh, und daß der Schatten des Hauses ihn und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte, daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was er deutlich wußte, war das Hinwegwischen über etwas, das wie ein Dampf in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er.

Ihm war auf dieser Wandrung — Wiesenpfade in unendlichen Windungen, über Knicktore, durch Gatter — nichts bewußt als das kalte Lustgefühl des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste, wahrnehmend in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch nichts; nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in der kühle und warme Wellen miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging, er sah vor sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels, atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich zustreben mußte.