Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und geschüttelt vom Lachkrampf.

Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ... Andersherum: Eins — zwei — drei —. Gotische Bögen. Renate lachte und lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung. Vater! dachte er endlich. Ja, ja, — ja, freilich, so etwas denkt man wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist ... Warum gut? — Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend, daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen! dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.

Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich: Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: „Verzeihen Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...“

Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte, so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie hinaus.

Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und fuhr davon.

Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er schluchzte trocken ... Niemals — niemals — niemals ... Und sie würde die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht. Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er nüchtern, und Vater — oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf. Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen? — Niemals — niemals —. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er, Montfort hat recht in jeder Beziehung.

Heimkehr

Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und fürchterlich unnütz. Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön dämmrig lag es in der Nachmittagssonne, die breite goldene Dämme durch die Fenstervorhänge hineinstellte. Still, sehr schön, edel — trotz Cora — stand das wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ sich rücklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar für die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber erst, da es gar nicht wieder aufhören zu wollen schien, entschloß er sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte sagen: Prinz Trassenberg, — aber — nein, Großherzog war er ja noch immer nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum „Ja?“

Eine Männerstimme fragte: „Hoheit?“

„Ja.“