Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück. Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen. Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla— — Er sprang in rasender Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel. Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich, schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch Haselgesträuch ins Freie und saß auf.

Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich? fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen, Unnatur, Wahnsinn?

Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war, über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte, schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott, das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich schon, da kam er angestürzt, — um Himmels willen, die ganze Straße war versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde, als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg her: Achtung! der Großherzog! — Großherzog, es war zum Totlachen und die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: „Platz! Platz für den Großherzog!“ Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: „Wie spät ist es?“ Eine Stimme schrie hinter ihm: „Gleich zwei!“ dann noch mehrere durcheinander: „Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!“ Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie zeigte unwandelbar drei Viertel eins.

Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an, er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter, begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, — also dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? — Nun waren da Häuser, er kam nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang in den Wagen, keuchend: „Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch leere Straßen!“ Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz, über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao, Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte. Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater, Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt Plate! — Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf, ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine Stimme: Sie kommen nicht hinein ...

Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte: Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke, Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen. Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im Theaterkostüm, so mußte es kommen: — Na, na! junger Mann! sagte jemand, aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...

Verspätung

Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln. — Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: „Nun?“ Er faßte sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich räuspernd: „Bitte, kommen Sie dort hinein“, und zog sie mit sich.

Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher— — wie dumm! — Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus, keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg nun sagte: „Renate ...“ flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und drückte die linke Hand auf seinen Mund.

Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte, und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: „Lieber Junge, du kommst ja zu spät ...“

Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf, starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und funkelten: „Dein Vater war heut morgen schon ...“