„Nicht eigentlich,“ hörte sie ihn raunen durch das Getose, „ich sitze unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen, ob die Reiher ordentlich arbeiteten.“
„Musik?“ fragte Renate erstaunt.
„Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!“
Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren, Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik und verging im übrigen Brausen.
Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen, Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt, aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer Seite her vorbeizuziehn.
Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er ausblieb. Sie warteten.
Viertes Kapitel
Getümmel
Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren, wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck ging und Wendungen machte — denn er hatte keine Zügel — immer schön in ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar trug, auch entzückend anzusehn war, — anstatt seine Reitkünste zu beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot, und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm, seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen. Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen Ruck ...
Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige, braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in allen Tiefen lagerte die Ebene.