„Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst du?“

Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar fabelhaft aus.

„Welch gutes Herz du doch hast, Renate,“ hörte sie Josef sagen, „aber das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man alles für Natur.“

Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter ... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern, Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten, wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen, Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten, Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau, Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel.

Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, — sieh, da stand auf der untersten breiten Plattform, — mit buntem Steinmosaik belegt, zwei Schuh hoch über dem Pflaster, — der riesige Erzbischof mit dem Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann — in Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen — ihr die Hand, sie stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte; dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform; zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? — Er hatte scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts, anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der Farbenstreifen, — und schon — weit in die Ferne davongeschossen, kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe, schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt.

Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er — ganz mit den Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers — um ihre Füße die Stufen hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und schwarzbewamst — Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die oberste, frei gebliebene Stufe. — Bogner ordnete noch ihre blauen Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.

Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue, weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher, winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen von Fabel- und Legendengetier, — es war eine sonderbare Wanderschaft durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie war sie nur dahineingeraten? — Sie konnte sich im Augenblick nicht besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu? — Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren.

Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß, die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden, Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen. Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen, einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten, Erasmus — da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ, mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe, ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen, aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße, gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.

Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.

Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend, da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.