„Was doch dieser Maler alles weiß!“ lächelte Renate verwundert und bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: „Einen Augenblick!“ hakte den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem Bausch, trat zurück und sagte: „Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein Haar?“

Renate, an sich herunterblickend, meinte: „Der Naumburger Uta? Seh ich so hold und kindlich aus?“

„Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,“ sagte er, „aber die Hand mit dem Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als der alte graue Stein. Komm weiter!“

Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten, nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken, Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.

„Dein Ritter Georg hat es so gewollt,“ äußerte Josef, „man macht es so in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.“

„Chinesen? Ach, der auch deine Maske —“

„So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,“ meinte Josef, „aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines Tages an.“

Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich eingestemmt, milchweiß — das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, — am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand — wunderbar — die lange Düte des großgewundenen weißen Horns.

Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:

„Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!“ Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme: