„Keuschheit“, erklärte Josef, „hat mit der Selbstzucht wie mit allen übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend, wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen —“ Ulrikas Züge spannten sich aufhorchend —, „sie verfügt über die verblüffende Gabe der Willkür, diese Gabe — — es giebt ein Augenleiden, das besteht in sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will — und solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern, sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist genial, — glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins sind,“ Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo bleibt er nur den ganzen Tag? —
Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter:
„Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber, sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung. Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel. Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet unser Gespräch.“ Der Wagen hielt.
Festzug
Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und sonnige Landstraße kletternd — sie seien dicht vor der Stadt, erklärte Bogner —, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand des Festwagens. Die Gestalten — Heilige schienen es in reichen Trachten — waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch erklären.
Es wären die neun Monate, fing der Junge an.
„Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?“
Tobias sah verlegen zu Josef auf. „Weil es“, hörte Renate seine Stimme hinter der Maske, „nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar, wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt, und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, — aber, Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst ...“
„Nein, diesen noch,“ bat Renate entzückt, „das scheint Sankt Christofer —“ sie zählte ab, „— Oktober, warum Oktober?“
„Siehst du nicht,“ sagte Josef, „daß es nicht Sankt Christofer ist, sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.“