„Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.“

Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand: „Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.“

„Oh, verblüffend!“ staunte Josef, „wie das dumme Vieh!“ und Renate erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen, hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:

„Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen, der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, — ach Gott, jeden und jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!“

Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. — Mio marito ... klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef sagen hörte: „Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!“

„Rede weiter, Josef“, befahl sie, ihn anblitzend.

„Jedermann,“ sagte Josef, „der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen, Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben beliebten Art: die keusche Dirne, — denn wer, Bogner, hätte sich nicht eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? — sondern durchaus bis zu einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle? Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In einem Lande —“

Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn, wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.

„In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas, hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben. Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an Antlitz und Seele gleicherweis —“

„Du schweifst ab, Vetter!“ unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes, nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der Achsel um die Arena trägt.