„Also heißen sie Georg und Wolfgang“, sagte Schley.
„Hoffentlich“, meinte Georg matt, „kann man sie unterscheiden.“
„Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring, der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?“
Ja, Georg war einverstanden. „Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.“
„Ja, höre, Georg, noch etwas —“ sagte Schley, „hast du meinen Schwager getroffen?“ Georg verneinte. „Er wollte dich treffen und ging schon früh fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht zum Essen, aber er hat angeläutet — ich war grade in die Apotheke hinüber — und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn hättest — er würde wieder anrufen ...“
Georg dachte nach. Halb vier, fünf, — „Ja, zwischen sechs und sieben wäre es möglich“, sagte er.
„Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug soll ja großartig ...“
„Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl, leb wohl!“
„Adieu, Georg!“
Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück. Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück — ist nun — dahi—in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich ... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn: Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef, oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und Cornelia Ring, — Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen, — oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde ganz unnatürlich. Ja, sehr — denn wie konnte ich so tief und lange schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf, sich vorsetzend.