Ach, ich ha—be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und — richtig, sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach so! es geht ja weiter, immer weiter ...
„Wie heißen Sie?“ fragte er leise.
„Albert Neffe, königliche Hoheit“, sagte eine farblose Stimme. Das Wort königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen:
„Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun. Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!“
Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm nach: „Wie alt sind Sie?“
Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe und hörte ihn sagen: „Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.“
„Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!“ Der Diener lächelte gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten Mannes. — Er verschwand im Schlafzimmer.
Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus, als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und nur — Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so aus wie er, — und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur — — Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit ... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell, aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.