„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche Hoheit, wegen meines Eindringens, — übrigens, erkennen Sie mich nicht?“
Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung das bleiche, sonderbar starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... „Herr von Montfort?“ sagte er zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: „Aber natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?“
Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab Montfort die Hand, der seltsam lächelte mit seiner einen Gesichtshälfte.
„Ich klopfte unten,“ sagte er mit Heiterkeit, „bekam keine Antwort und trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von erhabenen Dingen zu reden. Ja, — ich kam so vorbei ... Die Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie, wir wollen die Sterne betrachten!“ Georg fühlte sich leicht am Arm ergriffen und folgte an die Brüstung.
„Ach, da steht ja auch Wein!“ bemerkte Josef, „oh, erlauben Sie mir einen kleinen Schluck?“
Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit, um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und streckte die Hand aus.
„Geben Sie mir auch“, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:
„Der Mensch und die Sterne — das heiße ich den Gipfelpunkt des Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, — ah, nicht wahr, Sie bejahen das Leben?“ Er lachte leise.
„Sie sagen das so sardonisch“, lächelte Georg.
„Mich,“ versetzte Josef, „mich lächert es immer, wenn ich so in den Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe, und essen, was sich essen läßt, aber — er verneint das Essen, er schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung, zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum — die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?“