Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll, triumphierend im Innern, führte sie ihn die Treppe hinunter in die Halle. Erasmus stand draußen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus seine erschreckten Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda vorübergehend, flüsterte Renate: „Noch ein Gedeck!“ und führte den Onkel um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in seiner Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: „Nun erzähle, Erasmus, wie war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen Blumen!“

Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, dann der Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewährte sich außerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete er kräftig darauflos, er sei überhaupt der einzige, der richtig begreifen könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, — oh, er gab sich glänzend preis! — und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht hätte, daß es sein saurer Schweiß wäre, in den sie sich kleidete, niemals dächte sie daran. „Kinder, Kinder,“ sagte er, „was Mädchen, was Mädchen! Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben wie im Theater, wo immer dieselbe Korporalschaft über die Bühne marschiert im Triumphzug des Germanikus, oder war es in Aida?“ Und er fing an zu erzählen, wie sie als Schüler Statisten gemacht hatten, — Renate lachte das Herz im Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken war, die Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu essen.

Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach draußen blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die heile und die schreckliche, rote Hälfte; er trug noch die schwarze Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hände unten waren etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an, vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz, ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte sich weiter, — und da saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den Händen. Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und sagte: „Josef ist im Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?“ Und sich zurückwendend, winkte sie Josef mit den Augen.

Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah seine Augen, die erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, seine Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Händen, das — nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob, während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: „Da bin ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verändert. Laßt euch nicht stören“, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.

Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, lächelte und sagte: „Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du hättest uns vergessen! Da kommst du ja grade recht zum Essen.“

Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef legte seinem Vater einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und meinte: „Ein Adonis bist du gewesen, mein Junge.“

Josef lachte herzlich. „Du weißt ja, Papa, es ist Adonislos, daß ihn die Evierinnen zerfleischen!“

Sein Vater fiel munter ein und sagte: „Setz dich, setz dich doch, iß und trink und erzähle!“

Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da, und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete unter dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten bemerken, daß es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen Augenblick, Erasmus nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust:

„Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef? Keine drei Jahre, weißt du, schreiben hättest du wohl einmal können, wo du überall gesteckt hast.“