Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah auf die leere Straße. Beleuchtet, durchscheinend hellgrün hingen die schweren Laubmassen der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein Geräusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es rauschte, — kamen sie schon zurück? unmöglich! — Begierig neigte sie sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es könnte nicht in die Straße einbiegen. Da toste es nahe, schoß, ein flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen Strahlenkegel über die Straßen in die Gärten zu Fenstern und Hauswänden, im Brennpunkt glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine einzelne Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend still neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich, Renate sah einen großen Radmantel, auf der Schulter ein weißes, ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im Gefühl, daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte sie sich weit hinaus und rief: „Woldemar!“ stieß sich vom Fenster zurück, lief zur Tür, durch den Flur, riß die Haustür auf und lief die Stufen hinunter ihm entgegen.

Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt sie inne, die Hand ausstreckend.

„Da bist du!“ sagte sie, leise vor Ergriffenheit, „es ist wunderbar, daß du kommst! Mir war so seltsam angst.“

„Angst, Renate, dir?“ hörte sie ihn fragen, selig über seine gute, ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden, und das Ganze überspannt mit farbigen Schärpen.

„M—m!“ machte Renate, „weißt du, — wir sind ja zwei Schöne! Aber Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!“

Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen Stock, in der andern den losgehakten dünnen Degen. „Laß mich um Gottes willen zu Worte kommen,“ flehte er, „sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!“

Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. Nicht meinetwegen? dachte sie, lachte indes fröhlich und fühlte sich ganz kalt. „Aber komm nur erst ins Zimmer“, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran und machte Licht.

„Nun los,“ sagte sie, sich zurückwendend, „die Trommel gerührt, das Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?“

Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte sein ganzes, gerötetes Gesicht von Gelächter und Glückseligkeit, und Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glücklich über und über, und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen kommt, schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: „Du! Es ist schwer, dich anzusehn und nicht zu küssen.“

Sie lächelte ihn kalt an und sagte: „Das weiß ich. Es wäre mir aber lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die Andern. Komm, laß uns sitzen.“