Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd und stand stumpf, nachdem die Tür geschlossen war. Egon war wieder da; er faßte vorn nach seinem Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er öffnete die Tapetentür neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab und betrat die Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken, schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter.
Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der zugefallenen Tür zu seinem Eßzimmer etwas glänzend Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen ward es ein schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. Georg sah Schriftzüge auf dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in großzügigen, steifen, ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und es stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und Fahnen waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus lauter Kreisen zu bestehen schien. —
Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich im Schlafzimmer findend, wußte er nicht wohin damit; er ging durchs Badezimmer, die Tür zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk auseinander und heftete den blauen Falter auf das reine, weiße Kopfkissen.
Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.
Haus
Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber es blieb schwül in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Räume hin und her, im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die Sonnenuhr hinabschauend, und dachte: man müßte sie eigentlich verhängen bei Nacht wie einen Vogel, der nur am Tage singt. — Sonderbar verlassen und entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich verworren: sind auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns nicht trifft und der Schatten uns verließ? — Alles gute Getier aber hüllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder betört wie Nachtigall und — Katze und — — Dunkelfalter, fand sie noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hält und nichts damit anzufangen weiß ...
Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die Laterne brannte schon drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. — Da bin ich auf einmal ganz allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald zwei Jahren! — Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn ich nur bestimmt wüßte, daß er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch nur auf den Gedanken? — Da merkte sie, daß sie nur nach oben lauschte, daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und fragen —, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination fortgeschickt. Hinaufgehn? — Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, sagte der Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich wieder, und sie wußte nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs Vater begütigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem längere Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedächtnislücken durch ihn selber füllen zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien er so wenig zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. — Wie munter sie gewesen waren! — Renate hörte sich von ‚Heliodora, lächle mal‘, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, und Magda wurde geneckt, daß sie mit Großherzögen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude ließ ihn nicht im Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, — und wie mühelos gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und ich war so tödlich müde, — das Bad muß schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich wacher als je ...
Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, erschrak ein wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung im schon dunklen Hohl des Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten Zügen. — Wäre Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich mit den Andern irgendwie verloren. — Renate fiel ein, daß er sie geküßt hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! — Da sah sie Jason in der Kapelle Ulrikas Klavier schließen. — Ulrika, wo bist du, was ist mit dir? — Überall gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wußte, und dann kam das Entsetzliche. — Nun erwartete sie wieder ein Kind, — Renate grübelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene Trauer. — Was war nur mit Ulrika? — Ach, nun hat sie wieder kein Telephon! War etwas mit ihrem Mann? — Sie sah Ulrikas heilig bleiches, innen glühendes Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück davon wieder und summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es Lichter und süßes Gebrause, — wie schön ist die Welt!
Der Morgen war doch so schön! — Das Einhorn! — Wie sonderbar erschreckte es mich! — Armer Georg, wie war er erst glücklich! — Aber statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frühstückstisch des Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie freute sich leise, — wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu haben, als sie zu verlieren, — Georg verlor die seine keinen Augenblick. — Und Irene und Klemens stürzten aufeinander los wie — ja wie Achill und die Amazone, um sich mit Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom Haß ...? Georges — Renate blieb stehn.
Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Böse auf sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß ichs, jubelte sie auf, ich fahre zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich bestrafen. — Aber sie bewegte sich nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, ich telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, es ist ja niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, eine Stimme zu hören, trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hörer besann sie sich vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges’ oder Irenes, dann schämte sie sich und bezwang sich. — Sie stand wieder in der Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen hinunter zur Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und legte die Wange auf die Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Kühle.