„Ja,“ sagte Klemens, „Krotkaja oder Kaja Moscherowska —“ Georgs Blick fiel ab.
Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte einen widrigen Geschmack im Mund. „Ist dir nicht gut?“ hörte er fragen. Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und sah Egon dastehn. „Ich komme“, sagte er und stand auf. Er bemerkte den Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: „Also was steht in diesem Brief?“ Klemens sagte: „Es steht drin, daß meine Mutter nicht eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, — der du bist ...“
Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhängen noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelähmt, er verschob es auf später. Allein — da stand wieder Klemens und beanspruchte noch Aufklärungen. In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den Brief in kleine Stücke und ließ sie wegfliegen.
„Es ist genug“, sagte er leise. „Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann alles, was ich weiß.“
Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie, ja, sie war schön, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild, ja, die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schönen schwarzen Zöpfe um jene Züge vom ‚reinsten Ebenmaß‘, wie Chalybäus es ausgedrückt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos hochmütige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner — seiner andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...
Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fühlte er immer deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich namenloser vor als vorher.
Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. „Du warst die Nacht nicht hier im Hause?“ mußte er plötzlich fragen.
„Ich? hier im Hause? Was sollte ich —“
„Entschuldige nur,“ lächelte Georg, „mir fiel etwas Dummes ein. Alles andre später, wenn’s dir recht ist, nicht?“ Klemens nickte ernst. „Ich werde meinem Vater sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn freuen.“
„Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,“ bemerkte Klemens mit ermunterndem Lächeln; „also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich morgen bei Virgo?“