„Es wird am besten sein,“ meinte Klemens, „du selber sagst mir, was du weißt.“
„Ja, ich weiß fast nichts“, sagte Georg. „Und all das zu erklären, was ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein; im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde —“
„Das Kind war meine Schwester Virgo“, sagte Klemens.
„Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war —?“
„Virgo,“ wiederholte Klemens trübe; „dafür, daß ich einen Bruder bekam, habe ich nun eine Schwester verloren.“
„Unsinn!“ tröstete ihn Georg, „was könnten Sie denn da verloren haben?“ Klemens lächelte wieder. „Höre, —“ sagte Georg, „dann ist dir vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges Kreuz —“
Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges Papier und ein Notizbuch hervorzog.
„Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,“ sagte er, „sie brachte seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe, aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier geschrieben.“ Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem Umschlag. „Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen, in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja Zwillinge —“ Klemens strahlte. „Ich“, fuhr er, Georgs Ungeduld bemerkend, fort, „nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl nichts einzuwenden haben.“
Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen, die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.
„Ist das der Name?“ fragte er leise.