Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: „Wenn ich versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders aufgewachsen, das heißt —“
Georg erriet seine Frage und antwortete: „Mein Vater und ich wissen es selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn ich das sagen darf —“ Klemens nickte freundlich, „ich brauche vor Ihnen nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein. Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie — weiter mein Freund bleiben werden ...“
Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien, mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte kurz und sagte: „Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?“
Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne, kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.
„Was soll ich bemerken?“ fragte Georg.
„Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir hatten dieselbe Mutter.“
Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte langsam lächeln, dann erröten. — Ich erröte ja wieder, durchzuckte es ihn, — wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.
„Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts vormachst“, sagte er leise.
„Die geistige Brüderschaft“, meinte Klemens lachend, „wird wohl doch die größere sein.“
Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung schuldig zu sein, und sagte: „Also sprich, was du zu sagen hast, ich habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja dabei zusehn und weiterreden.“