„Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber — wenn Mann und Weib miteinander kämpfen, so giebts nur diesen Ausgang“, und Renate durchfuhr es: Irene! —
„Merkwürdig,“ sagte sie leise, „das gleiche, was du mir eben sagst, erfuhr ich heute an jemand anders ...“
„Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,“ hörte sie ihn leise lachen, dann fuhr er fort: „Georg wurde fast um einen Monat zu früh geboren; infolge des Erschreckens über meinen Unfall.“ Er stand auf und ging in den Raum hinein. „Ich kann nicht sitzen,“ hörte Renate ihn hinter ihr sagen, „es tut zwar scheußlich weh, aber —“
Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoßend. Wenn er ihr gegenüber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe seinen glühend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte aufmerksam, ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam weiter von ihm fort.
„Vor dem Abendessen kommt Georg, — ich weiß nicht, was der Junge hat, er sah so — innerlich geduckt aus, freilich, das Beste weiß er ja noch gar nicht, — Herrgott, ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja, wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie selber, es sei die kleine Virgo Schley, — erinnerst du dich? ach, du kennst sie ja selbst, — ich sagte dir, daß ich sie bei Georg sah und wie ich sie Helene ähnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar geküßt, ich wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate, es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, daß Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! — Nun das ewig lange Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, — du weißt: der neue Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung —, ja, also denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, — da höre ich gleich: Zwillinge! Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei Männer hat dies kleine blasse Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist ganz vergnügt, die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß schon alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief, der — ja, verzeih bloß, ich kann das nicht alles aufsagen — jedenfalls — Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und wir saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und —“
„Woldemar,“ sagte Renate erregt und stand auf, „muß denn nun immer Wein oder so was untergeschoben werden? Könnt ihr denn niemals aus euch selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz überläuft?“
„Ihr, Renate,“ sagte er langsam, „wer ist: ihr?“
Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zähne und sah ihn lauernd an.
„Verzeih, ist dir nicht gut?“ fragte er, auf sie zukommend.
Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen lassend, daß sie klirrte, schüttelte den Kopf und rief: