„Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, mir ist ganz wirr im Kopf, — du weißt ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und der Zug, das konnte allein genügen für den Tag, und was gab es noch alles! Josef, weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.“ Sie lachte. „Ach, und das ist längst nicht alles,“ sagte sie, wieder trübe, „komm, sei nicht böse —“
Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schärpen mit der Handfläche glättend nach unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte wieder und meinte: „Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über und über“, worauf sie zurückwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat. Er gehorchte lächelnd und eifrig, indem er sagte: „Noch zwei Sekunden.“
„Und nun, wie ging es weiter?“ fragte Renate. Er besann sich.
„Du weintest“, sagte Renate ernst und weich. „Einmal weintest du, als ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weißt du das noch?“
Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: „Ich weinte, weil jemand starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber“, fuhr er heiterer fort, „dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest, aber heute dachte ich an dich. — Aber weiter! Es war sehr einfach. Es fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut — geht — zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen, brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land wollte seinen Fürsten und bekam ihn, — ja, so lacht man über Weissagungen und alte Sprüche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr, hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl — wie eine große, metallene Spannung — die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig Jahren wie von einem großen Magneten an ein und denselben Ort und zusammengezogen wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder saßen. Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir sind es, die sie — nein, aber nun muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel — wo ist mein Degen? ach, draußen ...“
Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, daß er ihre Stirn küßte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf den Flur, sah ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte ihm lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. — Danach fielen ihr die Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glühte wie Feuer, sie ging dumpfen Sinnes und mit schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf.
Achtes Kapitel
Masken
Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen und stand am Fuß der Freitreppe vor der Universität, über sich die beiden fleischroten, milchigen Sphären der Bogenlampen, von innen eigentümlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen weißer Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge, hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende Bronzepferd, dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee. Jason, Josef, Saint-Georges — zählte Georg vertieft und ging die Stufen hinauf; es war verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt? Saint-Georges, Jason, Josef, — Josef war vorher da und hielt eine wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, — ich kann es drehen wie ich will, ich weiß, daß sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner Mutter sagten, und — Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum Verrücktwerden — ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf mich hatte, — da steht ja Renate am Türpfeiler? Nun bloß nicht fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? — Die weißmaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen ihn vor, — Saint-Georges, Josef — dachte er und hörte sie sagen: „Georg?“
„Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß ich so spät komme! Hast du lange gewartet?“