Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belästigt durch Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach ihnen schlugen, sie mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten, lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute. Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen den Stämmen hindurch am Ende der Alleen schräg auf das Tor des Französischen Gartens zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken hindurch gelangten sie zu der ersten großen und gingen unter ihr hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsäule ein metallenes Becken — „eigentlich ein Papierkorb“ sagte Georg — mit Wasser gefüllt, an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; in der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend.
„Ein Genie, wer das erdacht hat,“ meinte er, „die Fische sollten das Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag bekommen.“
„Arme kleine, tote Fische“, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme befiel Georg ein sonderbar süßlicher Schmerz. Das war Anna Chalybäus’ Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mußte plötzlich an seine tote Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene —
Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts neben einem freien Platz mit Bäumen rauschte laute Tanzmusik aus dem großen Pflasterhof des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse leuchteten, starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende Getümmel der Tanzenden. „Oh sieh wie schön!“ hörte er Magda sagen und sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates haushoher, düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue. Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und Bosketts wandelten die undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingötter, -göttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und düstrer Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenriß eines Füllhorns in der Nähe, eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo, und nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, ein zartes, leuchtendes Profil, dahinter einen großen, leicht zum Nacken gesunkenen schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Früchten und Blumen schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester.
Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches Wesen neben sich: eine rote, lottrige Tunika über schwarzen Trikots, eine schwarze, törichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein Schwert. Sie warf den Kopf zurück und bewegte Arme und Oberkörper mit solchen schiefen, zuckenden Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte, auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen sie sagte: „Nun, mein Schöner?“
Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an gräßliche Dinge, er schnob kurz: „Was willst du?“ im halben Gefühl, Magda nichts gewahr werden zu lassen.
„Du siehst, was ich bin?“ fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt. Georg wandte sich zu Magda und sagte: „Sie fragt, was sie vorstellt. Ich glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!“ sagte er zu Cora, ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber Cora war mit einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm und zischte theatralisch: „Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am Ziel Ihrer Wünsche?“
„Ich bin nicht Heliodora,“ sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wütend an: „Geh zum Teufel, mit deinem Mummenschanz!“
„Der Großherzog hat befohlen,“ sagte sie höhnisch, „seinetwegen hat sich das Volk in Masken gehüllt!“ und wich zurück, schwenkte sich herum und ging schlenkernd, in den Hüften sich wiegend davon.
Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: „Wer war denn das?“ Sie schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: „Lachst du, Anna?“