„Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den Französischen Garten.“
„Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,“ bat Georg; „ach, Magda, verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer Tag, und ich weiß bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.“ Sie ergriff seine rechte Hand, drückte sie schweigend. „Diese Hitze könnte mich rasend machen,“ stöhnte Georg, „bei der Galatafel wars zum Platzen, und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder und Parfüm und Schweiß, — ich muß noch ein paar Tage nach Helenenruh und mich in die Nordsee stürzen ...“
Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, stieg Georg die großen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen Seitenweg im Gebüsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine Kirche in Athen. Josef, Jason — da fängt es wieder an, dachte er verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hände und sagte leise und eindringlich:
„So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und doch nicht glücklich?“
Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm heftiger aus, „was ist denn Glück?“ sagte er stumpf. „Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich nicht Steineklopfer?“ — Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: „Glück? Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, das man weiß und nicht mehr hat. Und wenn es ein Glück gäbe, wie du es meinst,“ sprach er verzweifelt weiter, Gedanken schwerfällig aus Gedanken ziehend, „glaubst du, daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick begreift?“
„Georg,“ hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, „du weißt immer einen Satz und eine Erklärung, aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem innern Zustand etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas bedeuten.“
Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik, zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor, indem sie sagte: „Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht weiß ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich sein kann, außer uns, neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm wirklichen Wesen zu vereinen.“
„Nein, das meinte ich glaub ich nicht,“ sagte er, den Kopf hin und her bewegend, trübe, „aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich soll diese meine Klugheit an einem tüchtigen Strick wie — wie so einen Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde noch verrückt davon werden, komm bloß weiter!“
Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, die Stirn auf ihre Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fühlte die sanfte Erlösung dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut, aber — „O Gott!“ seufzte er leise.
„Es kommen Menschen“, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand und zog sie weiter.