Magda sagte aufblickend: „Ich fürchtete schon wieder tote Fische, aber hier sind sie geschickter gewesen.“
„Ja, aber der Brunnen war hier immer,“ meinte Georg, „nur das Licht ist neu.“
Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde, unablässig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte wollüstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hände auf den Rand gestützt und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend, sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter waren dicht voreinander, Magdas Augen hafteten — ihre fast brauenlosen Augenbögen zogen sich dabei zusammen — in den seinen mit leise schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam das Antlitz vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine Blume, die weht.
„Gott segne dich, Georg“, sagte sie leise. — Er senkte den Kopf, ihm quoll das Herz.
Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben an der Säule, in ihren Augen war ängstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer, den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze nach vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: „Man stößt von unten, Cora, von oben macht man’s bloß im Theater.“
Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend, hielt sie in der linken Hand.
„Ja, was willst du denn nun eigentlich?“ fragte Georg ungeduldig und bewegte sich zu Magda hinüber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu, den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend in Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, raffte sich mit schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras Handgelenken fassen, plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. Sie hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War sie verletzt? Und wo? — Er verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu stürzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ ihn alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden, er stand über ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu dunkler Wiese, ihr Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit fürchterlichem Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von drei Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem Hinterkopf an Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in weiches Gras, raffte sich hoch und stand.
Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden lag unverändert die Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, durch Sekunden spürte er merklich, wie sein Inneres sich leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun das Ende. — Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn so leicht, daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber, zu seinen Füßen war Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges Glitzern, in das es ihn wonnevoll hinabzog. Ah stürzen! dachte er, stürzen! — Dann fühlte er die Erlösung des Fallens.
Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte Wasserfläche, er versank, schlug mit den Armen um sich, entsetzliche weiche Bänder umschlangen ihm Hals und Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte, schluckte, Wasser drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, atmete, spie und rülpste Wasser aus, versank wieder, stieß mit den Füßen, riß sie aus Umstrickendem los, warf die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß er schwamm.
Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; indem er es wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag sein Herz zusammenzucken, dann — zischend und johlend schoß eine blendend weiße Kurve in die Nacht hinauf, heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut schüttelte, zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender Sterne, ein wundersamer Regen —, jedoch da stürzte sich wieder ein fürchterliches Winseln und Jaulen, ein lang hintanzendes satanisches Hu—ih—ih—ih! in die Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote Streifen kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte, drei — unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander, rote Kugeln, goldflimmernde Sterne regneten von oben, es war blendend hell, da setzte eine riesige, von Golde brennende Sonne vor seinen Augen sich in Bewegung, Goldgarben aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe nach oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend, Georg schwamm, richtete sich auf im Schwimmen, grunzte und schrie: „Mit Feuerwerk — woll’n wir zugrunde gehn!“ und schwamm, während das ganze Ufer hinunter die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen sprühend, sausend und brausend entfesselt wurden, über finstere Baumkugeln gewaltige rote Wolken von unten nach oben wogten, in denen die Laubkugeln rötlich leuchteten; dazwischen huschten schwarze Gestalten, die Nacht war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg mit großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber als das grenzenlose Toben, Zerstieben von Silberbüscheln, Heulen der Flammenbögen und das besessene sich Herumwirbeln der Garbensonnen nicht enden wollte, ermattete er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, kroch die Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, lag eine Weile keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte, tot zu sein. Er schleppte sich höher empor, stand; eine Feuersonne vor ihm — ihr weißer Mast, an dem sie schwebte, war hell zu sehn — drehte sich langsamer, spie schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still und regnete aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle Stelle zu, jemand rannte gegen seine Schulter und fluchte, eine dunkle Gestalt huschte vor ihm ins Dunkel mit einem Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein zischendes silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich mit ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg taumelte weiter, kam an eine Hecke, wankte an ihr hinunter, brach durch eine Lücke, hörte das Feuergetöse gedämpfter hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und weiter, stand endlich still und sah in der Dunkelheit rechts vor sich schweigend und gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot himmelhoch vor sich stehn und auf ihn hinunterblicken. Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken hinunterzugehn, er ging und ging, fiel vor Müdigkeit gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur von Zeit zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! — Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal sah er, die Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront des Schlößchens, die er erkannte, ganz nah zu seiner Linken, er ging draufzu, der Boden wich, er stolperte bergauf und bergunter, fiel, stand wieder auf und fiel wieder und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer. Er ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, er begriff, daß er hinüber mußte, und plötzlich lag er drüben an der Erde mit schmerzenden Gliedern. Nun an Gebüschen hinunter streifend, fand er die kleine Brücke, ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem Zimmer, das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich will nur noch — dachte er, — er wußte nicht was, schlich mühselig ins nächste Zimmer, hindurch und durch noch eines und fiel gegen etwas weiches Dehnbares. Das Bett ... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein Kopf füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte.