Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte vernahm. Er kniete und richtete sich auf, erkannte im Halbdunkel den Raum, die Fenster, ging auf eines zu, streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf und stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd und todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor einer Helle, die von der linken Seite über ihn fiel, sah all seine Fenster hell werden, sprang ins Dickicht und schlug sich durchs Gezweige weiter, bis er ins Freie und Dunkle kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof, hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch des Pferdes. Dann wurde es Nacht um ihn.

Neuntes Kapitel

Zimmer

Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr Bett hin, schlaff neben sich Arme und Hände, die Füße hingen nach unten. Wie sie hingesunken war im Dunkeln, so lag sie, glaubte, schon Stunden zu liegen, schwer atmend, das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins andre, und ineinander und auseinander zog und ergoß sich schon, was sie als Bild vor Augen sah und was sie im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie glaubte, ein Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine Wiederfindung, harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens in seinem bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun zusammenhingen, zum Bilde erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen Pferd, fühlte sich gewiegt von den weichen Gängen, Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn ist! — Eine rote, brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte in ein Zimmer herein und fuhr wieder hinaus, — der Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem Zeigefinger. Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten sich vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren Hunde, weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die den riesigen Wagen ziehn? aber das geht doch nicht, man muß es den Leuten sagen, daß es nicht geht! — Plötzlich hörte sie sich seufzen und schlug die Augen auf.

Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften Vorhänge des Fensters und den matten Glanz einer offenen Scheibe, aber es kam keine Kühle herein. Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte Lichtspalt der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen, hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank, dachte sie ergeben, wenigstens ist es Nacht! Weit zurück in der Zeit glaubte sie die Heimkehrgeräusche der Andern zu hören, Schritte treppauf, Türen, — sie legte den aufgerichteten Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, sie selber war darunter, der verlorene Sohn kniete vor seinem Vater, — abseits, verfinstert, stand Erasmus, sie seufzte und fand sich gleich darauf liegend auf dem kleinen Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika beugte sich weinend über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen wach doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung nicht abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr wirkliches Genick, das sich löste, und brachte den Kopf in die Höhe.

Da! — sie fuhr entsetzt zusammen, — es schlürften Schritte nebenan! Eine Stimme fragte: „Schläfst du schon, Renate?“ Es war Josef.

„Nein, Josef, was ist denn?“ fragte sie zitternd.

„Verzeih nur,“ sagte er, „ich sah im Garten unten dein Licht und kam herauf. Ich glaubte, du habest ‚Herein‘ gesagt, und eben hörte ich dich rufen ...“

„Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?“

„Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas ins Freie mit mir ...“