Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die heiße Stirn gegen den Handballen und bemühte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es vielleicht kühl, zu schlafen war unmöglich. „Ich komme gleich, Josef!“ rief sie leise. Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn, einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und machte sie leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die weiß am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete sich hastig an, machte Licht überm Spiegel, aber nachdem sie, mit geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte aufgelöst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ die Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer.
Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, die Hände um das übergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneeweiß leuchtenden Gipsbüste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie den kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße und Schönheit sie mit leisem Schreck. Die Zartheit des schrägen Profils, der unbeschreibliche Ausdruck der flachen, ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das wunderbare Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten Lippen und — vielleicht das Wunderbarste — am Halse die senkrechten beiden Muskelfalten, leise schattend und unsäglich lebendig — all dies auf dem Grunde grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht so weiß, zart und locker wie von frischem Schnee — hielt lange ihre Augen fest, während sie hinter Josef trat, die Hände auf seine Schultern legte und leise sagte:
„Ich danke dir — heute erst — für ihn. Er war mir fremd im Anfang. Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr unbeschreiblicher und lieber geworden.“
„Er wächst“, hörte sie Josef sagen, „wie eine Blume, die Jahr um Jahr köstlicher blüht. Er blüht und wächst für sich selbst, aber wer ihn ansieht, über den wächst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden Augen mit sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein Stern geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, — denn wir sind unten.“
Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf seine Stimme wieder:
„Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Fließende, immer sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich, eine verfließend zur andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein, nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und Schluchzen in Kissen, und Vergehn.
„Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns Andern getaucht ...
„Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, — o du Delfin des Lichts!
„Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts!
„Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in Bescheidenheit — erglüht dein weißes Antlitz ...