Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich, hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste Stimme tat sich auf:

„Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen Seele?“

Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: „Sigune ...“

Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte ... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit Steinen.

„Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden“, scholl es sanft und fast liebevoll nahebei. „Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden, kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht und nie erkannt, — aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen, stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im Tal, du hast keine Wahl, — immer wirst du uns wieder finden.“

Traum

— — — — — — — — — — Kaja! — — — — — — — — — — — Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör auf, es summte lange nach, er merkte, daß er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz langsam in alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, daß er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch Stümpfe, über und über tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das war ja ein fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, — aber — ich — kann — — nicht ...

Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das Haupt auf die Lehne und fühlte sich im selben Augenblick mit atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, daß der Raum um ihn sauste und toste. Es war dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, und alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, unter sich das Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in Schlangenlinien, schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße Klippe auf, er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich wurde sie zu einer riesenhaften Säule, die wiederum sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder ihres jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung, Gestalten in bunten Gewändern, und im Näherfliegen erkannte er, daß eine in der Mitte stand, die war glänzend golden, und rings im Kreise waren eine Menge, zehn — oder zwölf? — ja, zwölf aufgestellt. Deren jede hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, über den Häuptern der Gestalten — ihre Gewänder leuchteten rot und gelb, violett und grün und weiß und in noch mehr Farben — blitzten große goldene Ziffern, — Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, Sieben und Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen, ohne daß er Namen für sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas, nämlich ein uralter Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände auf dem Rücken außen im Kreise um die Ziffernträger, und nun wußte Georg, daß es eine Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer aufgebrochen zu sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht die Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der marmorweißen Platte stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er ins Antlitz sah, — es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet stand sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drüben eine Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der alte Montfort wars, — mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in unsäglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da war Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder, Irene war da, nun Klemens, — Cordelia, ach hilf mir doch, liebe Cordelia, stöhnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno, ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal rührte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah, ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. „Ist denn für mich kein Platz, Jason?“ stammelte er flehend. „Es muß jeden Augenblick zwölf schlagen, und dann ists ja aus.“ Er riß sich wieder los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme: „Du bist ja tot, was willst du denn hier?“ und versuchte, sie wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja, ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin der Mörder! — Unter ihm glitzerte die blaue Meeresfläche, er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, — schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als das göttliche Gefühl der Rettung.

Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem Bett; danach kam es ihm vor, als läge er in Kissen, dann versank er in Müdigkeit.

Zweites Kapitel