Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise fiel im Dunkel der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing irgendwo ein Mensch laut zu weinen an.
Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das gelbe, entfremdete, hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tür, die vor ihr geöffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermüdend, aber sie ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz und quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: „Ja, was wünschen Sie?“ und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich auf ein riesengroßes, leuchtend weißes und vergittertes Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine hohe Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie, sie hörte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür, faßte nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die Augen fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im Schloß, die Tür bewegte sich, sie öffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges’ Gesicht und sagte leise und vorwurfsvoll: „Aber Georges! — wo warst du denn den ganzen Tag?“ Seine Antwort vernahm sie nicht mehr.
Sterne
Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue Pferd rannte in wütender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hülfe schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die überkreuz gefesselten Hände nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag. Das Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war so groß wie ein Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverständlichen Mechanismus von lauter Hebeln und Rädern, der Kolben war nicht zu finden, er ächzte und fluchte: „Wer hat denn dies verrückte Ding hierhergestellt, damit kann man doch nicht schießen!“ — Aber plötzlich knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst schießt es, und dann fällt erst der Hahn. — Der Hahn bewegte sich von selbst wieder in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, fiel ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine. Ach, nun weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte ...
Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo mußte ein Licht sein, da berührte etwas Warmes und Weiches seine Stirn, und er sah dicht über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er, merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, ihm war sehr elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht wurde, daß er fort wollte, fort mußte. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er schwankte, ihm wurde tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt, erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter, er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm es herab, trat neben Unkas und machte es mit unsäglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm herabfallenden Armen, notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, er kam auf den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet, auch einige darüber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er spöttisch, aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, und er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr gehn, streifte Unkas den Zügel über den Hals und kletterte ächzend und verzweifelt auf seinen Rücken. „Ja, nun geh, geh doch!“ flüsterte er. Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte mit geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das furchtbare Tier wieder still. Die Augen öffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben einen kreisförmigen Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am Wasser versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb Unkas mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und nun hörte er lange Zeit das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Plötzlich ging es mit einem Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder auf ebenem Boden weiter, entsetzlich langsam, und schließlich stand die Bewegung wieder still.
Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare standen in der Nacht und funkelten unablässig. Weiter oben am Himmel jedoch waren keine, und Georg wunderte sich, daß die Sterne nur noch unten waren. Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. Er sah wieder nach oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken, verspürte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tödliche Angst wälzte sich zermalmend über seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange Zeit blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig.
Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel Stunden.