Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, und auch dies wäre ein Traum gewesen, — oh mein Gott!
Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Gürtel. Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines Mundes steht da Kain geschrieben.
Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, daß ich vergaß, Georges danach zu fragen, und gewiß hat er Dir nichts gesagt, da er Dich nicht sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist alles wieder glühend geworden.
Aus Renates Gedächtnisbuch
am 2. August
Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges’ Aktenbogen Blätter in der Größe meines Buches; nun soll einmal die Feder laufen statt meiner Füße, die eine Stunde lang den grauen Läufer herauf und herunter irrten, und diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die schwarzen Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer, naß und umspült vom Regen, die grauen Wolkenfetzen am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr ansehn. Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen in einer Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die Stille. Und doch wohlbekannt seit Jahren! Ach, das Alleinsein ist fremd im Zimmer der langen, gemeinsamen Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was auch sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; wie wird das werden, wenn sie vollendet ist? und auch das soll nun bald sein.
Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde und matt. Und wie das nun aussieht, geschrieben! Wie machen es nur die Dichter? Wenn sie dergleichen schreiben, so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie es mehr fühlen als ich? Georges würde sagen — o Himmel, was gehn mich alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins not ist? Aber die Gedanken! Sie stellen sich ein, unbekümmert darum, wer das ist, der sie denkt. — Wer hat mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem Brief, im Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein, ja fast um diese Zeit. Was war ich damals, was bin ich heut? Ihre elenden Briefe damals und meine stolzen! Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und dünkte mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten Seele.
Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden hinter der Kapelle den Eingang in ein reiches Leben! Düfte der tausendfältigen Erwartung regneten in mein offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war fleißig, meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu vollenden, ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch nicht.
Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten Kopf! Armer Kain! Du hast es nicht tun wollen? — Nein, sagst du, ich wollte, weil ich mußte, man muß nicht schönreden. — Sieh, was hier liegt, ein schönes Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife hängt dran, und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn gestern zuerst las beim Erwachen, küßte ich ihn und weinte darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm, ein zarter Abel war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er. Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im warmen All, wo sie nun ist! Deine Seele war immer warm, lieber Kain, oh wer hat sie so furchtbar zum Glühen gebracht!
Mir wird wieder wirr.