nachmittags

Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges doch nicht mitgab! Denn was heißt nun diese Nachricht, die er mir heut von ihr bringt: „durch Zufall eine Verletzung der Augen zugezogen“? Kein Wort zur Erklärung. Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe nichts, und wenn ich ahnen will, geht es schon auf im allgemeinen Grauen, und ich wende mich ab ...

Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An drei Jahre sah ich ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt zu sehn, da Georges nur darauf geht, wenn er allein arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke, er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß nicht, warum mir das wunderbar scheint!

Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster ganz links sitzt der Gelähmte still für sich an seinem Pult; am Fenster ganz rechts sein Bruder, die vier Kartothekenkästen je zwei zur Linken und Rechten, und ich kann ihm minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage ausfächert, jede, von der er abschrieb, zur Seite legt, eine auf die andre, dann den ganzen Pack in seinen Umschlag und in den Kasten zurück, und dabei nimmt er den Federhalter quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das wie ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine Vorgänge peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; so eine Dichtung, denn die Art, wie er Geschichte schreibt, ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh göttlich der Mensch, der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die Berührung des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß, Leben springt über in Funken zum toten Stoff und der lebt, Augen schlagen sich auf, Lippe färbt sich und lächelt, Stirne blinkt weiß und rein, und aus ganzem, vollem Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist erst du!

Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer!

am 3.

Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges entfernt am letzten der drei Fenster, die Hände auf dem Rücken. Hell war der Raum im kühlen Regenlicht. Ernst, blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen. Ich glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf seinen Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke Bekrönung der roten Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe der Fenster und all das andre von Gefangenschaft, und dann fragte ich: „Grünt die Hoffnungsbirke noch?“ „Sie grünt wie alljährlich“, versetzte er still, führte mich ans Fenster und ließ mich nach links sehn, und da stand die kleine, seltsame Birke oben auf der Ecke der Mauer, grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich fiel mir ein, daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht, wie ich anfangen sollte, es war so grenzenlos traurig auf einmal. — Wir waren verlobt, der Herzog und ich, stieß ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich hätte weinen mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, jeder Satz wurde mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, ich strauchelte über meine eigenen Worte, sprach nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem Ech-en-Aton, von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr und der Nacht, von Ulrika und meiner Angst um sie, das strudelte alles durcheinander, und immer sah ich Josef in seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im Festwagen tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll kleiner Sträuße. Schließlich wars aus, ich saß wieder im Stuhl hinter Georges und hörte ihn nach einer Weile langsam sprechen.

„Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein. Über ihn wird man lesen: der feige Meuchelmörder, — da es aber unser Sigurd ist, so werden wir wissen, daß er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als ein überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, denn es ist ja, nach allem was man weiß, eine schwerere Aufgabe für den Edlen, auf einen Wehrlosen zu schießen als auf einen, der wiederschießt. — Ach, sagte ich, ich glaubte, er sei irr, — aber er meinte, deshalb dürfte es doch kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich ihm Sigurds Plan erklären vom bevorstehenden Krieg und den Fürsten, die allesamt fallen sollten. — „Ach,“ sagte Georges, „daran erkenne ich meinen Sigurd! Der Herzog wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas richtig gewesen wäre. Regimenter der Unterdrückten, die riesige Internationale der Ungerechtigkeit in allen Ländern, die hörte Sigurd ja immer aufmarschieren, Juden und Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben, Arbeiter in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde Rumänen und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar, alle vereint in einen Schrei nach dem Recht, — ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und kommt vielleicht in hundert Jahren“, fuhr er fort, die Augen heiß und schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, „ein Luftschiff hoch mit Griechenwein —“ er lächelte fast schluchzend — „durchs Morgenrot dahergefahren, wer möchte da nicht Fährmann sein! — Ihr habt ihn ja nicht gekannt! Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, betreut, ihm geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft und getröstet in Krankheit und gespeist, wenn ihm die Seele hungerte, mit edler Speise des Vertrauens und der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, da spielte er Cello und war eine schöne Figur ...“

Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda zu erzählen, was er mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten hatte; da konnte ich nicht anders als nur seufzen: Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen? — worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate Montfort, die er gestern auf einem goldenen Wagen gesehen habe mit Elefanten und Einhornen, und was ich nun den Kopf hängen ließe! — „Ach, du häßlicher Spötter!“ sagte ich und sprang wieder auf, „warst du nicht auch bei denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn wollten und schöne Vergleichungen wußten von Bienen und Sonnenblumen!“ Ich war ganz von Sinnen und sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so wäre ich auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen könnte, und dann herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel zu geben. Ich zitterte am ganzen Leib und erinnerte ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte, obgleich ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, das Zimmer, die Fenster zuckten groß auf und nieder, ich mußte noch etwas sagen, und so fragt ich: „Wo warst du am Festtag?“

Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein Wort. Ich wiederholte meine Frage, gepeinigt, um ihn zu peinigen. — „Du hast“, hörte ich ihn endlich sagen, „beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, und dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,“ schloß er, „und ich war dort, wo du mich fandest, als du mich brauchtest.“ Da war meine Kraft zu Ende, auf einmal hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf seine Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer alles. Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz hinuntergegangen, aber vor dem Haustor drehte ich um und stieg wieder hinauf.