Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken.

Nachmittags

Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den Wagen bitten. Der Wagen, dacht ich, soll dich denn zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz ich und warte, weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die Hände, ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst. Schwach sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, ich, ich! Gestern — was, gestern? drei Tage ists ja schon her, aber da hab ichs doch ertragen. Nein, das Grauen — Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda, die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein und begnügte mich mit redseligen Briefen?

Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich lange schuldig fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, willst du wohl! schreib: Damals, als Josef aus dem Haus wollte, konntest du ihn nicht halten? Nein, da war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, es war zu spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit Fäusten losgehn, damals, auf seinen Bruder? Und dann, was sagte er? „Ich bin doch schon als Junge einmal mit dem Messer auf ihn ...“ Oh das hör ich nun, als wärs heute! Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum war ichs nicht eingedenk Tag und Nacht, wachend und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer auf ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr um Jahr: „Lieber Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! — Und warte,“ sagte Josef, „ich entgehe dir nicht!“ Wars nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was konnt ich tun? Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur, die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine?

Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen nicht. Ich muß hin, ich muß ihm in die Augen sehn! Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn bei der Hand fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin.

in der Nacht

Wieder in meinem Zimmer.

Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist das möglich, daß alles hier unverändert ist? Lampe und Sofa, Ofen und Bücher, — und mein weißer König sieht über mich hinweg wie immer.

Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen alles, was inzwischen geschah.

Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich kaum nach dem Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen hatte, als er schon wieder hielt, und da war wirklich die alte Hausfront, das Tor und die goldene Fünf in den eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür, lächelte und sagte bekümmert: „Das kleine Fräulein, ach Gott!“ Aber kaum im Hausflur, fuhr ich entsetzt zusammen, weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte. Ich dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch das Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich mich zusammen, ging selber in den kleinen Raum voller Mäntel.