Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft, die fragte, ob ich es schon wisse, und unendlich weit fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß die Worte nicht mehr ...

Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. In der Brust. Der Arzt sagt, er wird leben bleiben. Ulrikas Mann — ja, nun weiß ich das auch nicht mehr, — ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es kaum, als ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig, — und auch — als hätte ich alles schon gewußt ...

Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich alles vergessen; statt dessen merkt ich, daß ich furchtbaren Hunger hatte; zu Mittag hatt ich keinen Bissen hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken, und da lag der große graue Hut des Erasmus auf den Messingstäben und Magdas grober Gartenpanamahut mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, was zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis vor mein Zimmer. Die Klinke in der Hand merkte ich, daß ich falsch gegangen war, wollte zurück, bildete mir aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub sei wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine breite, weiße Binde vor den Augen, Magda.

Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da sitzt es! — Ihre grade Haltung und die Binde, das halb verdeckte Gesicht machten sie so zu einer Figur, einem Bilde der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so daß sie mir vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen, das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß jedes sich erst verstehen ließ, wenn es schon geschehn war. Nun saß das Unheil hier, ganz still, eine Binde vor den Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit den Gesicht in ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie die Erdfesseln ganz lose wurden, und da rissen sie, der Boden tat einen ungeheuren Ruck, es toste, riesige Bäume wankten und schlugen um, ich konnte noch denken: Ein Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, der Boden hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine lindernde Hand ...

Dann sprach ich mit Magda. „Wir wollen nicht verzweifeln,“ sagte sie, „der Arzt meint, das eine Auge würde sicher heil bleiben —“ sie brach unruhig ab, lehnte den Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht nach dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst nur, wenn sie singt.

Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach Georg. Als sie hörte, daß er krank sei, stand sie gleich auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich sollte sie führen, aber plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief verzweifelt: „Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das durfte doch nicht kommen!“ Ich hielt ihren Kopf an meine Brust gedrückt, das kleine weiße Königsantlitz flimmerte mir vor den Augen, und ich sagte zu ihm: Wir, Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen gehn allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, dann besinnen wir uns und nehmen grade Haltung vorm Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die Kinder müssen leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und wer Sonne austeilen möchte mit beiden Augen, dem werden sie ausgestochen, und ich, sagte ich außer mir, ich habe die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich habe genug gelitten! — Sage doch, was du willst, antwortete es kühl aus den weißen Statuenaugen, aber du irrst, wenn du meinst, daß ich hinsehe. —

Magda machte ihren Kopf frei und sagte: „Jahre sind gekommen und gegangen, und ich habe mich in die unbekannte Einsicht Gottes gefügt und gewartet.“ Und, sie habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer gewesen, an den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden Tat zu vergolden, — so daß ich nun merkte, sie hatte die alte Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. — Ihre Hände fielen schlaff herunter, sie fing wieder an: „Die Nacht ist hingegangen, die ich mit Grübeln versessen hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen Menschen, und ich — was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos. Ich kann nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand treffen will, und ich stehe vielleicht dazwischen, und er trifft aus Versehen mich, — was kann ich tun?“

Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das Seltsamste zu Tage. Sie wußte ja noch nicht die genauen Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie sie aber nun alles von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in der Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park, einem Anfall gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht deutlich, und daß sie Georg habe ins Wasser fallen hören, was ich ihr ja aus Sigurds Worten bestätigen konnte. „Und siehst du,“ sagte sie dann erglühend, „wenn nicht das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen haben, und also — also wars nun das dritte Leben, das ich — gerettet habe. Und meins ist nun aus ...“

Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, es sei zu Abend angerichtet, und sie stand auf, ich führte sie zur Tür. Draußen ließ sie meine Hand los und ging allein an der Wand hinunter, fand auch zum Treppengeländer hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie brachte keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden wieder auf und ging die Treppe hinunter. In der Halle — nein, da riß alles ab.

Plötzlich stand ich vor Erasmus’ Stubentür. Ich wollte klopfen, aber meine Hand versagte, auch den Türdrücker bekam ich kaum herunter, und als die Tür aufging, wars, als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer. Da saß Erasmus vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein großes Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt nach mir, aber ganz geduckt, und als ich seine Augen sah, schrie ich: „Mach die Augen zu, Erasmus!“ Dabei muß ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach einer Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen Sünder in seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch hocken. Da ging ich zu ihm, als ging ich über Wasser, legte eine Hand auf seine Schulter, und sein Nacken war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: „Was liest du denn da, Erasmus?“ Er hatte die Unterarme über die Seiten gelegt und die Hände über die oberen Buchränder gekrallt; so blätterte er mit den Fingern die Seiten auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf das Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, es war, als begingen wir eine Sünde zusammen, und ich flüsterte: „Du mußt mirs zeigen!“ Nun brachte er eine Hand über die Seite hin, der Zeigefinger krümmte sich und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß mich totschlage, wer mich finde ...