Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah durch das Fenster mit blinden Augen, sah das Gartengitter unten und die Alleebäume, und seine großen Hände lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine Hände. Auf einmal hatte ich wieder Kraft, nahm das Buch von seinen Knieen, legte es fort und sagte zu ihm: Steh auf! — Mir zitterte das Herz, wie blindlings er gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit und mit geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür, hörte, wie er sich auch in Bewegung setzte und mir nachkam und die Tür wieder schloß und hinter mir die Treppe hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem Schlafzimmer seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. Als ich die Tür öffnete, gab es einen Luftzug, ich fühlte das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden offenen Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge herein. In seinem Bett, das frei dastand, saß der alte Mann; ich sah seine hohe, kahle Stirn und den Bart und die flackernden dunklen Augen, er aber sah mich nicht, sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und dann fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte ich eine Sonne im Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm hin, die Luft brauste auf, Fittiche schlugen weiß aus der Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und die uralte Stimme rief laut: „Komm herein, mein Sohn, komm herein!“ Da stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den wolkigen Raum, ich hörte einen dumpfen Fall und die Worte: „Vergieb mir, mein Sohn, und laß mich wieder dein Vater sein!“ — Dann war ich draußen.

Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille Einhorn auf und nieder gehn; doch entfernte es sich bald, bog um eine Ecke unter eine altertümliche Arkade ein — später fand ich sie wieder auf der römischen Abbildung, die dort hängt — und verschwand, den langen, weißwallenden Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in einer grünen Dämmerung, die sich langsam schloß und zu grünen Korridorwänden mit weißen Türen wurde.

Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf dem Bett und schlief gleich.

Cornelia Ring an Renate

Altenrepen, am 4. 8.

Liebes Fräulein von Montfort,

bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie wende, aber ich habe sonst niemand, den ich fragen könnte, wo Herr von Montfort ist, und ich bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus verließ — Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr nach Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt —, und es wäre gar nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit ‚uns‘ meine ich seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem Herrn, daß ich Sie bitten möchte, falls Herrn von M. etwas zugestoßen sein sollte, es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.

Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch recht schmerzlich für mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre gehorsame

Cornelia Ring

Renate an Cornelia Ring