Waldheim, am 4. August

Liebes Fräulein Ring,

durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen lesen, was geschehen ist. Glauben Sie mir, daß ich wie eine Schwester mit Ihnen empfinde, und so gerne wäre ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein lassen kann. Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? Ich könnte Ihnen dann vielleicht noch mehr sagen, was Sie wissen möchten. Li, der kleine, war so sehr gebrochen, ich werde nie vergessen, wie sein eben noch lächelndes gelbes Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. Ich bin sehr in Angst um Sie, liebes Fräulein, und bitte, wenn Sie sich fähig dazu fühlen, besuchen Sie ja recht bald Ihre

Renate Montfort

Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke Freundin, deren ich erwähnte, hat eine Augenverletzung, es ist zu fürchten, daß sie erblindet. Nun war sie dabei, als ich mit Li sprach, und da er mehrere Male ganz verzweifelt sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging es uns durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich nehmen könnte, gesetzt, Sie selber wollen ihn nicht behalten. Meine Freundin würde einen Führer brauchen, und mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine Höflichkeit, und was hat er für merkwürdig runde Augen in dem Chinesengesicht!

Irene an Renate

Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August

Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem Unfall, sie war so beängstigend still!

Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel, diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott, wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte meine Sachen und entfloh.

Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. — So eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja, denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!